Neuer 46 ft Offshore Racer?

Im Baltic Sprint Cup 2008 haben 3 Yachten in der IRC Klasse den Sieg unter sich ausgemacht: Die Danebury, die Yeoman und die Guts‘ n Glory, allesamt vom Typ Rogers 46. Bei diesen Schiffen handelt es sich – und das war in Deutschland seit langem ein ungewohntes Bild – um echte Racer mit einem großen Cockpit und sehr wenig Platz unter Deck.

Zum Cruising hingegen sind diese Schiffe ungeeignet, bei Langstreckenrennen nur mit Entbehrungen zu genießen. Sie wurden von dem englischen Yachtdesigner Simon Rogers an einer für die IRC Formel markanten Grenze konstruiert: IRC begünstigt kleinere Yachten, wenn sie im Verdrängerbereich, also mit einem relativ hohen Gewicht zur Bootslänge liegen. Größere Schiffe hingegen werden nicht benachteiligt, wenn sie gleiten können. Die Grenze liegt etwa bei 45 Fuß.

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Die Rogers 46 gehört mit einem Gewicht von nur 6,2 Tonnen klar in die Kategorie der Gleitschiffe, 20 Knoten unter dem riesigen Gennaker sind kein Problem. Der sportliche Erfolg gibt diesem Schiffstyp recht und da diese 3 Yachten fast identisch vermessen, gab es sehr spannende Rennen im Baltic Sprint Cup. Dies hat einen bekannten Hamburger Segler aus dem Norddeutschen Regatta Verein dazu veranlasst, die Danebury zu kaufen, so dass jetzt schon 2 Schiffe fest in Deutschland bei Regatten melden. Die Frage ist nur, ob es in der Ostsee genügend Eigner gibt, um eine 46 ft Flotte der reinen Racer ohne jeglichen Komfort unter Deck auszubauen.

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Der Kieler Yachtdesigner Klaus Schmidt hat sich daher mit Simon Rogers in Verbindung gesetzt und ein alternatives Deckshaus- Cockpit Layout vorgeschlagen, welches einen großzügigeren Innenausbau ermöglicht. Dabei steht es außer Frage, dass die Funktionalität des Cockpits besonders für große Crews auf Kurzstreckenrennen eingeschränkt wird. Das Schiff wird auch etwas schwerer ausfallen, aber immer noch unter 7 Tonnen liegen und damit die grundsätzlichen Segeleigenschaften bewahren können. In der Vermessung wird das größere Gewicht berücksichtigt. Klaus Schmidt hat mit seinem Konzept jedoch besonders die Langstrecken- Regattasegler im Auge, die gelegentlich mit kleiner Crew auch zum Vergnügen segeln und das Schiff „komfortabel“ überführen wollen. Der Schwerpunkt bleibt aber eindeutig bei den Regatten, insofern unterscheidet sich die Konzeption vom bekannten Cruiser-Racer.

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Schmidts „Offshore Racer“ verzichtet an Deck auf die Cockpitbänke, um mit dem gewonnenen Platz bessere Manöver und schnelleres Trimmen zu ermöglichen. Offshore Racing definiert er auch nicht so, dass nachts die Wache an Deck ausharrt, einen Sherry trinkt und den Sternenhimmel bewundert. Vielmehr ist es heute auch bei Regatten über mehrere Tage selbstverständlich, dass ständig die Segel nachgeführt werden und an der Kreuz im Zweifel die gesamte Crew auf der Kante sitzt, auch nachts.

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Als Alternative zu den mittlerweile lieb gewordenen Doppelsteuerrädern bietet Schmidt eine Einradsteuerung an, wobei das große Rad mit der Carbon-Steuersäule nach Luv gekippt wird, um dem Steuermann eine optimale Sitzposition zu ermöglichen. So wird der Nachteil der Doppelräder vermieden, die mechanisch ausgesprochen schwergängig sind. Seine entscheidende Überlegung ist aber, unter Deck das zentrale Leben auf See sowie die Gewichte um den Schiffsmittelpunkt zu konzentrieren. Die Konzentration der Gewichte wie Maschine, Batterien sowie Tanks in der Mitte ist bekannt, da hierdurch das Seegangsverhalten der Yacht erheblich verbessert wird. Besonders an der Kreuz passt sich das Schiff so leichter der Welle an und schwingt weniger nach, verbunden mit einem direkten Geschwindigkeitsvorteil. Für die Crew sind zentrale Lebensfunktionen im Schwerpunkt aber ebenso vorteilhaft, da die Bewegungen des Bootes hier am geringsten sind. Die wichtigsten Lebensfunktionen unter Deck sind für Schmidt auf Hochseeregatten: Navigation, Kochen, Ankleiden und .. Pinkeln. Gerade der letzte Punkt hat eine bedeutende Sicherheitsrelevanz, in der Unfallstatistik gehen die meisten Personen über Bord, weil sie sich beim Außeneinsatz nicht richtig festgehalten haben.

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Klaus Schmidt hat daher diese 4 Kernfunktionen genau im Schwerpunkt der Yacht angeordnet und ist damit zu 2 Niedergängen aus dem Cockpit gekommen. Besonders wichtig war ihm, dass Navigationstisch und Toilette auch seitenmittig angeordnet sind, denn auf einer Regattayacht ist es aus Trimmaspekten nicht akzeptabel, wenn der Navigator längere Zeit in Lee sitzt. Und wer im schweren Seegang einmal versucht hat, im Vorschiff und Luv den stillen Ort zu nutzen, weiß, dass dies praktisch unmöglich ist. Die Funktionen Kochen und Ankleiden sind weiterhin seitlich, aber immer noch im Schwerpunkt angeordnet. Die extrem leicht ausgelegten Doppelkojen im Vorschiff wären hingegen nur im Hafen zu verwenden und mit Vorsicht zu genießen.

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Dieser Offshore-Racer ist nicht für eine Crew von 14 Leuten ausgelegt, sondern soll auf Langstreckenregatten mit 10 Seglern auskommen, die im Hafen notfalls alle eine Koje finden. Maximal 4 Freiwächter können auf See gleichzeitig in Luv schlafen, die Kojen im achteren Bereich sind dabei konsequent als Ruhezone abgetrennt. Gegenüber der Kombüse befindet sich ein großzügiger Ölzeugschrank mit Schwimmwesten-Fach, so dass niemand mit nassen Klamotten durchs ganze Schiff laufen muss.

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Stichwort nasse Segel: Das Hauptproblem unter Deck sind bei Regattayachten die Unmengen oftmals nasser Segel, die jeglichen Komfort zunichte machen. Schmidt hat daher achtern hinter dem Steuerrad eine riesige Luke vorgesehen, in die nicht nur zahlreiche Segel, sondern weitere Ausrüstungsgegenstände besonders bei Überführungstörns verstaut werden können. Leider muss während des Rennens aus Performancegründen dieser Raum meist ungenutzt bleiben, aber eine nasse Genua kann vor dem Wind dort schon einmal zwischenlagern.

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Ein weiterer Innovationsvorschlag ist etwas teurer, aber zukunftsträchtig: Anstelle eines üblichen Diesels mit Getriebe ist für den Schmidt‘schen Offshore Racer ein Hybridantrieb vorgesehen, ein Elektromotor treibt den Propeller an. Die hierfür benötigte elektrische Energie kommt batteriegepuffert aus einem 48 Volt 10/ KW Generator, der sehr gut schallgedämmt automatisch anspringt, wenn die Spannung der Batterien einen voreingestellten Wert unterschreitet. Der Hintergrund dieser Konzeption ist, bei etwa gleichem Gewicht im Vergleich zu einem typischen Diesel mit Getriebe eine wesentlich höhere Akku-Kapazität vorzuhalten, die durch den starken Generator erheblich schneller auf See geladen werden kann. Denn der Stromverbrauch auf Regattayachten ist mit zahlreichen Instrumenten und Computern nicht unerheblich, besonders, wenn noch eine Kühlbox betrieben werden soll. Beim Stand der heutigen Technik ist mit konventionellen Batterien eine Kapazität zwischen 480 Ah und 960 Ah vorgesehen, das reicht für kurze Hafenmanöver oder 2 Tage auf See, ohne dass der Generator anspringen muss. Interessant wird es aber, wenn aus der Automobilindustrie in wenigen Jahren gekühlte und bezahlbare Lithium Ionen Akkus mit einer vielfachen Kapazität bei gleichem Volumen und Gewicht zur Verfügung stehen. Dann kann der Schmidt- Offshore Racer ohne größeren Umrüstungsaufwand mehrere Stunden nur unter Batterie „motoren“ und während mehrtägiger Regatten auf ein Laden vollkommen verzichten.

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In der Zusammenfassung hat Klaus Schmidt basierend auf einem reinen Racer einen neuen Schiffstyp konzipiert, den Offshore Racer, der für Mittel- und Langstrecken einen größeren Komfort für die Crew auf See gewährleistet, ohne die Performance- sowie Bootshandling- Kompromisse eines typischen Cruiser Racers einzugehen. Interessant ist, das diese Yacht in der Performance ganz dicht bei den überzeugend schnellen reinen Racern liegt, da sie auf dem gleichen Rumpf und Rigg einer Rogers 46 basiert, nur unwesentlich schwerer ist und so in der Hochgeschwindigkeitsliga ganz vorne mitmischen kann. Zahlreiche Eigner hatten in der Vergangenheit nach einem sportlichen, aber wirklich hochseefähigen Regattaschiff in der 40 Fußklasse gefragt. Ob Klaus Schmidt die richtige Antwort gefunden hat, wird die Zukunft zeigen.

Volker Andreae

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